Jugendschutz
Amerikanisches Bier war vor 50 Jahren keine Gaumenfreude. Natürlich war es anständig gebraut, trinkbar und erfüllte damit seine Aufgaben. Das war auch in der Schweiz damals so. Heute ist die Bierwelt, hüben wie drüben, aber eine völlig andere. US-Biere räumen sogar reihenweise die höchsten Auszeichnungen internationaler Biertests ab. Meistens waren und sind die Brauermeister dieser ausgezeichneten US-Biere junge Brauer aus Deutschland. Die Zeiten des «Schlibumil», Schlitz, Budweiser, Miller sind vorbei.
Als ich (damals 29) und mein Bruder Wilfried (damals 24) im Bicentennial, also 1976, die USA bereisten, galt unser Augenmerk immer auch dem Bier. Wir lernten in den wenigen Wochen zwei Sorten kennen: «Drinkable» und «Fulfilling», also die gleichen Sorten wie damals bei uns: Trinkbar, und Befriedigend. Immerhin sind wir nicht verdurstet.
In Chicago waren damals die Trinksitten recht rigide. Wir waren zwar vorgewarnt, weil wir in Toronto, unserer ersten Station in der Neuen Welt, die sonderbare Sitte der Geschlechtertrennung in den Trinklokalen erlebt hatten: Manches Establishment bestand aus zwei Taverns mit je eigenen Eingangstüren, eigener Bar und eigener Einrichtung. Das linke Lokal für Männer, das rechte für Frauen solo oder mit männlicher Begleitung. Mein Bruder und ich waren immer solo unterwegs, sahen also keine weiblichen Gäste in den Bars. Das war gewohnheitsbedürftig, hatte aber schliesslich den Vorteil, dass man beim Gang aufs Pissoir nie die falsche Tür erwischte.
Zurück zu Chicago. Vereinzelt sah man auch hier noch die Geschlechtertrennung, aber schärfer als in Kanada war hier die Alterskontrolle. Unter 21 gab es keinen Alkohol. Mein Bruder sah mit seinen 24 Jahren viel jünger aus. Einmal hatte er im Ausgang keinen Ausweis bei sich. Die toughe Lady hinter der Bar verweigerte ihm das Bier. Für ihn gebe es Coke, sagte sie schnippisch. Wir protestierten höflich und gaben entschuldigend zu erkennen, für meinen Bruder keinen Ausweis dabeizuhaben. Die Bardame lachte über diese «faule Ausrede» und sagte, wir hätten sie testen wollen, wir hätten sehr wohl einen Ausweis, aber den würden wir nicht zeigen, weil wir Polizisten in Zivil seien, Spione quasi. Ich war ganz perplex und winkte resolut ab, aber die Bardame blieb hart, beugte sich flugs über den Tresen und griff mir lächelnd unters Jackett – aber da war nix, kein Holster, keine Knarre. Also waren wir keine Polizisten. Jetzt gab sie Ruhe, entschuldigte sich augenzwinkernd und offerierte die erste Runde Bier. Für uns beide.
