Make America Great Again
Leider blieb es mir verwehrt, am diesjährigen Sommerbierfest teilzunehmen. Ich möchte nun stattdessen die Gelegenheit nutzen, auf diesem Weg einige Gedanken zum Festthema mit euch zu teilen.
Meine erste Reaktion, als «250 Jahre Amerika» als Motto vorgeschlagen wurde, war ganz klar Ablehnung. Unter dem aktuell amtierenden Präsidenten habe ich derzeit persönlich keinerlei Ambitionen, die USA zu besuchen. Und dann soll man das Jubiläum eben dieses Landes als Grund zum Feiern nehmen? Sicher nicht! Doch mir wurde rasch klar: Bei einer Geschichte von einem Vierteljahrtausend darf man den Blick nicht auf die Missetaten einer einzelnen Person verengen. Denn wenn man genauer darüber nachdenkt, hat Amerika gerade für uns Bierfreunde so einiges geleistet.
Wenn ich etwas in meinen eigenen Erinnerungen krame, dann fällt mir dazu ein: Anfang der Achtzigerjahre befand sich direkt neben meiner Primarschule im Schulhaus Erlen die Brauerei Erlen, die das Glarner Bier braute. Wie wir wissen, waren die Achtzigerjahre kein gutes Jahrzehnt für die Schweizer Biervielfalt. So musste schliesslich leider auch die Brauerei Erlen 1981 ihre Tore schliessen. Ich erinnere mich gut daran, wie ich als Schüler neben der abgebauten Brauanlage stand. Diese sei nach Amerika verkauft worden, wurde mir damals gesagt – was mir als Jungspund allerdings ziemlich egal war. Für die Liebe zum Bier war ich schliesslich noch viel zu jung.
Erst Jahrzehnte später wurde mir bewusst, dass in Amerika damals die Craft-Beer-Revolution ins Rollen kam. Es dauerte nochmals 20 Jahre, bis ich in Boston das erste Mal eine Bierspezialität einer lokalen Kleinbrauerei verkosten durfte. In den USA war die Bewegung zu dieser Zeit bereits voll im Gange. Das Bier habe ich bis heute in bester Erinnerung – auch wenn ich damals ehrlich gesagt noch herzlich wenig Ahnung von der Materie hatte. Es sollten weitere zehn Jahre vergehen, bis mich die amerikanischen Spezialitäten von Sudwerk schliesslich dazu brachten, mich eingehender mit Bier auseinanderzusetzen.
Als entscheidender Meilenstein der Craft-Beer-Revolution gilt die Übernahme von Anchor Brewing in San Francisco durch Fritz Maytag im Jahr 1965. Maytag setzte unter anderem auf Steam Beer, auch bekannt als California Common. Dabei handelt es sich um ein Bier, das mit untergäriger Lagerhefe, aber bei höheren Temperaturen vergoren wird. Dadurch entwickelt die Hefe deutlich mehr «Dampf» (Steam) und entfaltet Fruchtaromen, die sonst eher für obergärige Hefe typisch sind. Wer an der diesjährigen Lagerparade in Glarus dabei war, hatte die Gelegenheit, das leckere California Common von Braucheib zu degustieren. Auch bei der Wiederentdeckung von Pale Ales und India Pale Ales war Anchor Brewing ein Pionier. Die Legalisierung des Heimbrauens auf Bundesebene im Jahr 1979 verlieh der US-Brauszene zusätzlichen Schub. In der Folge gingen sowohl die Sortenvielfalt als auch der Ausstoss von Craft-Beer steil in die Höhe.
Selbstverständlich dominieren auch in Amerika – genau wie in den meisten Bierländern der Welt – austauschbare Biere für den Massengeschmack den Markt. Doch an dieser Stelle möchte ich mich weder darüber noch über die «bösen» Grosskonzerne auslassen. Ich möchte lediglich anmerken, dass auch diese Medaille zwei Seiten hat.Abschliessend lässt sich festhalten: Die Idee, den 250. Geburtstag Amerikas zum Motto des Sommerbierfestes zu machen, war gelungen – genau weil sie zum Nachdenken und Austausch anregt. Es bleibt zu hoffen, dass die vielfältige Bierkultur in den USA noch lange Bestand haben wird. Und dass das Land hoffentlich auch in anderer Hinsicht bald wieder «great» werden wird.
Stef Hösli