Rassiger Jazz

Auf unserer mehrwöchigen Inspektionsreise durch die Bicentennial-USA (1976) wollten mein Bruder und ich möglichst viel vom American Way of Life erleben. Wir waren in einem Vorort von Los Angeles abgestiegen und machten uns auf den Weg ins Stadtzentrum. Es war schon dunkel und die Strassenbeleuchtung kaputt, sodass wir keinen öffentlichen Verkehr finden konnten. Taxi war uns zu riskant, da wir ja kein konkretes Ziel nennen konnten und nicht riskieren wollten, von einem mafiösen Taxifahrer in einen Hinterhalt von Al Capone geführt zu werden. Im Halbdunkel gewahrten wir schliesslich in einer Nebenstrasse Bewegung, Licht und Musik – Jazz konkret. 

Wir gingen natürlich sofort hin. Vor einem Lokal standen ein paar Leute herum, drinnen war es überfüllt, schummrig, verraucht aber mit grandios stimmiger Atmosphäre. An allen Tischen wurde Bier aus Pints (zirka 5,5 dl) getrunken, vereinzelt standen Pitcher (zirka 18 dl) auf den Tischen. Es waren sicher 100 Leute im Lokal, viele standen plaudernd mit dem Glas in der Hand herum, manche Frauen sassen adrett auf dem Schoss ihrer Männer. Sitzplätze fanden mein Bruder und ich keine, drum drängten wir langsam zur Bar hin. Kam mal ein Kellner vorbei, baten wir um ein Bier, was aber eher missmutig abgelehnt wurde. Wir hatten natürlich Verständnis, denn im Lokal herrschte wirklich grosses Gedränge.

Die sechsköpfige Kapelle fetzte ein Stück nach dem anderen und die Leadsängerin machte es geradeso gut wie Ella Fitzgerald. Vielleicht war sie es sogar, denn sich hat mir zugezwinkert – was für eine Wohltat! Aber Bier hatten wir noch immer keines. An der Bar wurde gemauert. Ich räusperte mich im Rücken eines friedlich aussehenden Bargasts, wurde aber schräg über die Schulter abgetan. No way. Tja. Gute Stimmung, tolle Musik, grandiose Leadsängerin, aber kein Bier. Ich versuchte nun die devote Taktik und lächelte die Gäste an einem Tisch an, wo man mit etwas gutem Willen wenigstens den einen halben freien Stuhl ergattern könnte. Aussichtslos!

Mit der Zeit wurde uns klar, was hier abgeht. Mein Bruder und ich waren nämlich die einzigen Weissen in diesem Lokal. Niemand kannte uns. Wir fielen auf. Jetzt verstanden wir auch, weshalb wir beim Eintreten vereinzelt Getuschel auslösten. Wir waren hier nicht willkommen. Kein Bier für Weisse. Wir gaben kampflos auf. Wir haben erlebt, was Schwarze manchmal erleben, wenn sie ein Lokal betreten, das voller Weisser ist. Zum Glück war das nur vor 50 Jahren so. Prost! 

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Hartmuth Attenhofer
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