Lippenkleber
Vor 50 Jahren, also 1976, feierten die USA ihr «Bicentennial», den 200. Geburtstag ihrer Verfassung. Ich fuhr mit meinem jüngeren Bruder Wilfried hin und wir sahen uns das an. (Heuer feiern die USA zwar ihr Quartermillennium, doch ich kann leider nicht hin.)
Unweit von Denver, der Hauptstadt von Colorado, befindet sich in den Rocky Mountains der Berthoud-Pass. Er liegt 3445 Meter über Meer (Gotthardpass zum Vergleich: 2107 Meter über Meer) und bildet die kontinentale Wasserscheide. Wir fuhren also mit unserem gemieteten Ami-Schlitten über viele Serpentinen hoch auf den Pass. Oben gab es einen grossen Parkplatz und es standen vereinzelt Touristen herum. Was gleich auffiel, war das Bergrestaurant. Es hiess «Swiss Chalet» und war mit einer Schweizerfahne geschmückt. Wir stürmten natürlich sofort hinein. Drinnen viel Holz, kaum Gäste. Aus der Jukebox empfing uns Mick Jaggers «Honky Tonk Woman». Und tatsächlich, eine solche «Spelunken-Frau» sass zwar nicht im Raum, stand aber an der Bar im Glitzerpulli und mit Cowboy-Hut. Perfekt.
Wir waren erst seit wenigen Tagen in den USA und kannten uns bei den Bieren noch nicht aus. So ersuchten wir die Barfrau um Rat. Wie zu erwarten, gab es hier oben aber nur das einfache Gebrauchs-Bier wie unten in der Stadt. Wir bestellten dennoch, tranken es und kamen mit dem Glitzerpulli-Cowgirl ins Gespräch. Sie wunderte sich, dass wir keinen Wein trinken, Schweizer Touristen kämen zwar selten hierher, würden bei ihr aber immer Wein bestellen. Sie war sehr gesprächig und so plauderten – eher kauderwelschten – wir hin und her. Schliesslich sahen wir an der Wand ein kleines Plakat, beschriftet mit «Root Beer». Aha, dachten wir, Wurzelbier! Das verspricht Biervielfalt und wird probiert. Die Bardame bestätigte das mit den Wurzeln mit einem Lächeln und wir bestellten.
Es schmeckte, wie soll ich sagen, scheusslich, vergleichbar mit dem heutigen Energy Drink. Es war sehr dunkel, schäumte kräftig und klebte die Lippen zusammen. Unsere Honky Tonk Woman klärte uns strahlend auf. Es sei ein alkoholfreies Getränk, nicht ihr Geschmack zwar, aber hier oben verkaufe es sich sehr gut; mit Bier habe es nichts zu tun, lachte sie. Warum um alles in der Welt diese Pfütze mit Beer benannt wird, bleibt mir unerklärlich und sie wusste es auch nicht. Wir nippten anständigerweise ein bisschen daran und liessen es schliesslich stehen. Um bei der Bardame keinen schlechten Eindruck zu hinterlassen, bestellte ich aber noch ein Glas real Swiss Red Wine (mein Bruder bekam nichts mehr, denn der musste ja fahren). Der Rotwein kam aus einem Fässchen an der Wand. Er schmeckte, wie soll ich sagen… Ich liess ihn stehen. Soll die Bardame von uns Schweizern denken, was sie will.
