Gedanken zur Biervielfalt

Geschätzte Mitglieder, vielen Dank für das Vertrauen und die Ehre, die GFB als Präsident vertreten zu dürfen. Gerne möchte ich euch von nun an regelmässig ein paar «bierige» Gedanken zukommen lassen.

Starten möchte ich mit einem Exkurs zum Begriff Biervielfalt. Ihr erinnert euch: Das Ziel der Vielfalt gilt offiziell als erreicht. Würde es nur noch darum gehen, bräuchte es die GFB eigentlich gar nicht mehr. Fragt man jedoch bei den Biertrinkern nach, stellt sich schnell heraus: Biervielfalt ist nicht gleich Biervielfalt.

In der Schweiz wurden wir in den letzten 15 Jahren mit einer Flut an alten, neuen und ausgefallenen Bierstilen bekannt gemacht. Was eine (statistische) Minderheit frohlocken lässt, sorgt bei der Mehrheit eher für Stirnrunzeln. Für viele bedeutet Vielfalt schlicht eine grosse Auswahl an Lagerbieren – am liebsten von unabhängigen Schweizer Brauereien. Wenn schon obergärig, dann maximal ein Weizen. Geht man weiter und präsentiert beispielsweise ein – nota bene altehrwürdiges – spontanvergorenes Geuze aus Belgien, wird meist schon abgewunken. Und bei Exoten wie einem Ice Cream Sour ist das Verdikt oft sofort klar: «Das ist doch kein Bier mehr!»

Ich persönlich trinke nach der Devise: Leben und leben lassen! Wenn das deutsche Reinheitsgebot vorschreibt, dass Bier nur aus Wasser, Malz, Hopfen und Hefe bestehen darf, muss ich schmunzeln – schliesslich ist auch in Deutschland eine beachtliche Liste an Hilfsstoffen erlaubt. Gleichzeitig ziehe ich den Hut vor der handwerklichen Disziplin: Es ist alles andere als trivial, nur mit den vier Grundzutaten ein fehlerfreies, schmackhaftes Bier zu brauen. Bei den «Exoten» ist es oft viel einfacher, Braufehler mit massiven Frucht- oder Gewürzaromen zu übertünchen. Ein perfekt gebrautes Lager ist eine Kunst für sich, und ich geniesse es mit grosser Genugtuung, dass uns in der Schweiz eine riesige Auswahl zur Verfügung steht.

Dennoch gehöre auch ich zu jenen «VerrĂĽckten», die finden, dass beim Brauen grundsätzlich fast alles erlaubt sein sollte. Auch ich habe meine Grenzen – bei kĂĽnstlichen Aromen oder Farbstoffen rĂĽmpfe ich beispielsweise die Nase. Aber ansonsten bin ich entspannt. Wenn die Lager-Puristen die Augen verdrehen, ist das okay – am Ende gilt die alte Binsenweisheit: Ăśber Geschmack lässt sich (nicht) streiten!

Mein Tipp an euch: Mir wurde beigebracht, dass man einen Bierstil mindestens dreimal probieren muss, bevor man sich ein endgĂĽltiges Urteil erlaubt. Da sich der Geschmack mit dem älter werden stetig  entwickelt, möchte ich euch ermuntern: Springt im Sinne der Vielfalt ĂĽber euren Schatten! Probiert ab und zu mal etwas Neues (oder ganz Altes). Was frĂĽher ein «Bäh!» war, wird vielleicht irgendwann zur Offenbarung.

In diesem Sinne wünsche ich euch viel Spass beim allfälligen Blick über den Tellerrand, und auf jedem viel Genuss und Freude mit Euren persönlichen Lieblingsbieren!

Stef Hösli

Kategorien BIER News